Ich und „Es“

„Das darfst du nicht lesen, das Buch ist böse“. So oder etwas so Ähnliches hatte mir meine Mutter vor fast 20 Jahren entgegnet, als mir das erste Mal Stephen Kings „Es“ in die Hände fiel. Thematisch ging es um irgendeinen bösen Gruselclown, Kinder und eine amerikanische Kleinstadt, so viel habe ich zumindest aus meiner Mom herausbekommen, aber mit gerade einmal acht Jahren wollte sie mich das Buch einfach nicht lesen lassen – aus gutem Grund, wie sich einige Wochen später herausstellen sollte.

Wie das aber mit derlei ausgesprochenen Verboten ist, machen diese eine Sache eben erst so richtig interessant, zumindest in den Augen eines Kindes. Gleiches passierte mir schon einmal mit Jurrassic Park, dessen Eröffnungszene sich mir bis heute ins Hirn brannte und über die ich in jungen Jahren auch nicht hinauskam.

Eines Nachts entschloss ich mich also dazu, endlich das „große gefährliche Buch“ zu lesen, um endlich selbst zu erfahren, warum meine Mutter mir dazu riet, die Finger davon zu lassen. Auf leisen Sohlen – oder Socken – schlich ich mich zum Schrank, in dem wir alle Bücher aufbewahrten und es noch immer tun. Meine Mutter ist bis heute ein großer King-Fan, weshalb sich schon damals alle bis dahin veröffentlichten Bücher in einer eigenen „Abteilung“ befanden. „Carry“, „Needfull Things“, „The Shining“, „The Green Mile“  und vieles mehr stand dicht an dicht gedrängt im Regal, nur darauf wartend, dass sie jemand herausnahm und zu lesen begann. Mein Interesse galt jedoch ausschließlich einem dicken gelben Einband, auf dem mit großen rotschimmernden Lettern lediglich das Wort „es“ geschrieben stand.

Etwas nervös und darauf achtend, ja keinen Laut zu verursachen, zog ich das Buch aus dem Regal und schlich so schnell wie möglich nach unten, in den Keller des Hauses. Welch Ironie. möchte man meinen, aber im Gegensatz zu euch kannte ich den Inhalt und somit Goergies Kellerphobie selbstverständlich nicht. Es darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass in jenem Sommer eine gigantische Hitzewelle über meiner Heimatstadt niederging, weshalb ich mich samt Gästebett in einen Kellerraum zurückzog. Ich wollte schlussendlich nicht im Schlaf an plötzlicher Selbstentzündung in Luft aufgehen.

Samt Buch warf ich mich aufs Bett, schloss die Tür, richtete den Schein der Nachttischlampe (die ich selbstverständlich mit in den Keller nahm) auf das Buch und begann zu lesen … doch sehr weit kam ich nicht. Ich schaffte lediglich das erste Kapitel, also bis zu dem Punkt, an dem Billys Bruder Georgie durch Es getötet wurde, ehe es mir meiner Fantasy den Stecker zog. Clowns konnte ich noch nie leiden, aber was mir damals durch den Kopf schoss, kann ich heute nur noch vage wiedergeben. An was ich mich aber durchaus noch erinnern kann, waren die Albträume, die sich diese Nacht in meinen Schlaf fraßen.

Blutrünstige Clowns tauchten an jeder Ecke auf, mir wurden alle Gliedmaßen abgerissen, immer und immer wieder, ehe ich schlussendlich total verängstigt und schweißgebadet mitten in der Nacht aufwachte. Wie im Buch und dem erst jüngst veröffentlichten Film beschrieben bzw. gezeigt, produziert so ein Keller allerlei nicht näher definierbare Geräusche, zumindest für ein Kind. Und wie die Kids im Buch malte ich mir aus, dass hinter jedem Kratzen und Schaben Pennywise oder irgendeine andere Schreckensgestalt steckte, über die auf dem Schulhof wie von Legend berichtet wurde. Das war damals übrigens noch echt ein Ding, wenn man mit den Jungs in der Pause davon sprach, wie krass Freddy, Meyers oder Vorhees in ihren Filmen ein Teeny nach dem anderen abmurkste. Irgendeiner hatte die Streifen immer gesehen und erzählte davon, als ob sie echt wären. So richtig horrorshow eben.

Seit diesem Erlebnis habe ich es nicht mehr gewagt das Buch anzurühren. Zunächst aus Angst. dann mit der Zeit und voranschreitendem Alter aus Vergesslichkeit. Erst in diesem Jahr, als ich von der Neuverfilmung erfuhr und tatsächlich aus purem Zufall und Spontanität im Kino selbst landete, erwachte mein Interesse für Kings „Es“ erneut. Und diesem Mal werde ich mich nicht davon abhalten lassen, es über das erste Kapitel hinaus zu lesen!

Hoffentlich.


Cover von: wallpapers-web.com

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