Pokémon GO – Wenn ein Spiel beliebter als Pornographie ist

Mann kann von den Pokémon halten was man möchte, aber die aus Japan stammenden Taschenmonster sind ein einziges Phänomen. Seit Mitte der 90er tummeln sich die Wesen unterschiedlichster Art auf den von Nintendo veröffentlichten GameBoys und später Nintendo DS-Geräten. Jahr um Jahr zieht die Reihe um Pikachu und Co. abertausende Spieler in seinen Bann und auch zum jetzigen Zeitpunkt scheint kein Ende in Sicht. Doch trotz des gigantischen Erfolgs für Nintendo und Entwickler Game Freak, haben sich beide Unternehmen bislang gegen die Veröffentlichung eines „richtigen“ Pokémon-Spiels auf einer Konsole (Spiele wie Pokémon Stadium, Snap, XD: Der Dunkle Sturm und vieles mehr ausgenommen) oder Smartphones gewehrt.

Der Grund ist simpel wie logisch: Durch die stets auf Handheldkonsolen abgezielte Veröffentlichungspolitik möchten die Macher das Grundprinzip der Serie aufrecht erhalten: Sammeln, Kämpfen und Tauschen – und das auf einem geschlossenen System. Bereits mit Pokémon Blau und Rot (In Europa und den USA; Japan hatte zum Start Grün und RotPoketto Monsutā Midori/Aka ポケットモンスター 緑・赤) war es den Jungs und Mädels möglich unter Zuhilfenahme eines Linkkabels zwei GameBoy-Systeme miteinander zu verbinden und entweder direkt gegeneinander zu kämpfen oder Pokémon zu tauschen. Letzters war zudem essentiell, wenn ein Spieler in den Genuss aller Pokémon einer Generation gelangen möchte.

Vorsicht, ein ... Ding vor dir!
Vorsicht, ein … Ding vor dir!

Bis heute veröffentlicht Nintendo (mindestens) immer zwei unterschiedliche Editionen einer Generation. Jede davon besitzt eigene Pokémon, welche es im Konterpart nicht zu fangen gibt bzw. durch andere ersetzt wurden. Beispielsweise in Pokémon Blau konnten Spieler Vulpix fangen, während Besitzer von Pokémon Rot in den Genuss eines Arkani gelangten. Man sieht also, ein freundschaftliches Miteinander war zwangsweise notwendig. Es sei denn man hatte zwei GameBoy-Systeme und beide Editionen samt Linkkabel. Dann braucht man auch keine Freunde oder andere Menschen zu treffen. Nach nunmehr acht Generationen an Pokémon-Spielen (rein die Hauptspiele ohne Zusatzedition wie Gelb oder Platin) ist jedoch genau das eingetreten, wovor sich Nintendo und Game Freak so lange gesträubt haben: Pokémon ist in Form einer App für iOS- und Android-Geräte erschienen. Doch natürlich unterscheidet sich dieses Spiel enorm von den bis dato veröffentlichten Games der Reihe. Viel mehr sehen es die Macher als eine Erweiterung des Franchises an. Endlich(!), stöhnt die Fanbase auf. Doch was genau ist eigentlich Pokémon GO, wie das Spiel getauft wurde und wie funktioniert es?

Ein Pokémon in einer Arena
Ein Pokémon in einer Arena

Im Grunde ist es ein reines GPRS-Game, ähnlich dem von Google betriebenen Spiel Ingress. Funfact am Rande: Die Ähnlichkeit zu Pokémon GO ist auch deshalb gegeben, da die Macher von Ingress, Niantic, auch für Pokémon GO verantwortlich sind. Auf einer Karte, wie man sie von Google Maps kennt, bewegt sich der Spieler anhand tatsächliche Bewegungen durch die Gegend und stößt dabei auf die unterschiedlichsten Pokémon. Im Gegensatz zum GameBoy-Ableger müssen diese nicht bekämpft werden, damit man sie fangen kann. Stattdessen wirft man mit einem Fingerwisch – oder Swipe für alle Neumodischen unter euch – einen Pokéball auf das Wesen um es der Sammlung hinzuzufügen. Klar, nicht immer gelingt das Fangen auf Anhieb. Hin und wieder brechen die Monster aus und rennen sogar weg.

Dennoch ist der gesamte Vorgang im Gegensatz zur Handheldversion um ein Vielfaches vereinfacht worden. Dann gibt es noch Arenakämpfe, bei denen Spieler gegen zuvor von anderen Personen platzierte Pokémon antreten können. Doch auch hier ist die Spielmechanik stark reduziert worden. Pokémon greifen durch simples Bildschirmtippen an oder weichen durch Rechts- und Linkswischen aus. Darüber hinaus lassen sich gesammelte Eier durch herumlaufen ausbrüten, man kann zahlreiche Pokéstops besuchen um verschiedene Items einzusammeln und, und, und. Der größte Anreiz ist und bleibt aber das Finden und Sammeln der einzelnen Taschenmonster, wenn es nach dem allgemeinen Tenor der Sozialen Medien geht. Überhaupt ist Pokémon GO ein dermaßen beliebtes Thema aktuell, dass selbst die Pornoindustrie ihren Hut davor zieht. Via Twitter verkündete YouPorn höchstselbst, dass Pokémon GO zu einem bestimmten Zeitpunkt stärker im Netz gesucht wurde, als pornografische Videos – und das möchte etwas heißen.

Doch nicht nur Pokémon-Fans im Allgemeinen zeigen sich begeistert von der App. Auch Menschen die unter psychischen Problemen leiden finden dank des Spiels neuen Mut etwas in der Welt zu unternehmen. Menschen, die von sich aus niemals mit anderen einfach von jetzt auf gleich in Kontakt getreten wären, finden sich mit den unterschiedlichsten Personen in Gruppen zusammen und gehen gemeinsam auf Nachtwanderungen oder Pokémon-GO-Spaziergänge. Näheres dazu findet ihr in einem tollen Artikel von Dom auf Gamespilot. Aber darüber hinaus führte das Spielen der App zu allerlei skurrilen wie auch verrückten Momenten. Beispielweise stieß eine US-Amerikanerin bei der Suche nach speziellen Pokémon auf eine Wasserleiche.

Zwar stellte sich heraus, dass diese nicht das Produkt eines Gewaltverbrechens ist, dennoch dürfte der Schock der Spielerin nicht gerade klein gewesen sein. Aber auch die Polizei hatte mit einem Pokémon-Problem zu kämpfen. Auf der Jagd nach erlesenen Monstern „stürmten“ zahlreiche Jugendliche und Kinder einzelne Polizeidienststellen, weshalb sich die Behörden dazu gezwungen sahen in den Sozialen Netzwerken darauf aufmerksam zu machen, dies doch bitte zu unterlassen. Doch so beliebt das Spiel auch ist, gänzlich von Kritik befreit ist es nicht. Zahlreiche Datenschützer hatten die fast uneingeschränkten Zugangsaufforderungen von Niantic und Nintendo bemängelt.

Das gibts auch noch: Pokémon GO Plus . Damit kann das Handy die meiste Zeit in der Hosentasche bleiben.
Das gibts auch noch: Pokémon GO Plus . Damit kann das Handy die meiste Zeit in der Hosentasche bleiben.

Zwar haben sich die Macher diesbezüglich bereits zu Wort gemeldet und schriftlich versichert, dass definitiv keine privaten Daten ausgespäht wurden. Dennoch dürfte das nicht alle zufrieden stellen. Trotzdem lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass auch in naher Zukunft Spieler sich weltweit auf die digitale Jagd nach Pokémon begeben werden.

Auch ich bin dem Hype sozusagen verfallen und nutze das Smartphone mittlerweile jeden Morgen auf dem Weg zur S-Bahn für das Fangen und Suchen von Pokémon. Mann muss einfach neidlos anerkennen – insofern Interesse für Pokémon oder das Franchise allgemein vorhanden ist – das Nintendo, Niantic und Game Freak hier ein fantastisches, wenn auch simples Spiel auf die Beine gestellt haben. Doch gerade diese zugängliche Kombination ist es, die Pokémon GO auch noch in einigen Jahren Erfolg bescheren wird. Zumindest kann ich mir das gut vorstellen. 

Florian Merz Verfasst von:

Florian rühmt sich damit, der größte Schwarzenegger-Fan der bekannten Welt zu sein und kennt sich auch so ganz gut mit Filmen, Serien und ganz besonders Videospielen aus. Arbeitet als Sales & Project Manager in Berlin; gibt sich hier auf dem Blog aber ganz privat die Ehre.

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