Spielverdrossenheit

Mein gegenwärtiges Verhältnis zur bunten und vielfältigen Welt der Videospiele kann getrost als „puh, schwierig“ bezeichnet werden. Und das, obwohl dieser Text unweit einer zum gegenwärtigen Zeitpunkt eingeschalteten Xbox One entsteht.

Bitte versteht mich nicht falsch: Ich liebe Videospiele. Für mich sind sie das umfangreichste und persönlich bervozugte Medium, wenn es um den Konsum von Geschichten geht. Während Bücher auschließlich von der Fantasie des Lesenden leben und Filme wie Serien den Zuschauer vor vollendete Tatsachen stellen, bieten Videospiele Welten, in denen viele Dinge für den Spieler „unerwartet“ geschehen. Zwar sind hier Figuren und Charakter als auch die Umgebungen bereits vorgefertig, jedoch können Spieler in dieser Welt mit ihrer Umgebung direkt interagieren, sind Teil einer nach eigenen Belieben gestalteten Geschichte. Dabei ist es zudem vollkommen egal, ob es sich um ein Sport-, Rollen- oder Shooter-Spiel dreht, jeder Spieler oder Spielerin erlebt ein Spiel immer auf unterschiedliche Art und Weise. Trotzdem und entgegen der hier aufgeführten Lobhuddelei, habe ich aktuell nicht so richtig Spaß mit Games.

Das Letzte Mal, dass ich ein Spiel wirklich exzessiv „gesuchtet“ und von A bis Z durchgespielt habe, war im Januar 2017 mit Resident Evil 7, zuvor Persona 4: Golden (‚tschuldigt, bin etwas spät dran) und dann lange nichts. Mein kompletter Schrank ist voll von guten Games, zahlreiche nicht einmal geöffnete Spiele stapeln sich bis zur Decke und selbst wenn ich auch Lust verspüre eines aus dem guten alten „Pile of Shame“ zu ziehen und zu spielen, so überkommt mich immer häufiger das Gefühl von „Spielverdrossenheit“. Klar, selbstverständlich klingt das alles nach „Mimimi“, aber für mich ist das ein ernstes Thema. Seit über 20 Jahre bin ich der Welt der Videospiele treu ergeben, habe Mario auf dem GameBoy und Super Nintendo über den Bildschirm hüpfen sehen, bin mit Samus Aran im Weltraum spazieren gegangen, habe mit dem Master Chief die Welt gerettet und versucht mit Lee und Clementine in einer Welt voller Zombies zu überleben. Aber seit dem Jahr 2011 und dem Spiel Dead Space 2 vermisse ich dieses Gefühl, mich explizit auf ein Spiel freuen zu können. Eben jenes Gefühl, das man durchaus im Ansatz mit den berühmtberüchtigten „Schmetterlingen im Bauch“ vergleichen kann, wenn man auf der Arbeit sitzt und an nichts anderes als das aktuelle Spiel denken kann. Mit der Zeit sind diese Momente seltener geworden, auch wenn es hin und wieder Lichtblicke gibt.

Bitte sei gut, bitte sei gut, bitte sei gut, bitte sei gut!

Viele in meinem Freunde- und Bekanntenkreis meinten, dass ihnen dieses Gefühl nicht fremd sei. Sie gaben an, dass es grundlegend an der schieren Masse an wirklich außergewöhnlichen Games liegt, die sich aber inhaltlich stark ähneln. Gerade deshalb, sollte man nicht jedes X-beliebige Game spielen, nur weil es gerade im Sale oder günstig beim Gameshop um die Ecke zu haben ist. Viel mehr solle man sich darauf konzentrieren, lediglich die Rosinen aus den abertausenden von unterschiedlichen Spielen herauszupicken. Genau das ist auch der Grund, warum ich nun über dieses Thema schreibe. Vor etwa einer knappen Stunde hatte mich der Postbote aus der Dusche geklingelt (Kein Witz!) und mir – lediglich mit einem T-Shirt und Handtuch um die Hüfte bekleidet – an der Tür Persona 5 in die Hand gedrückt. Ich habe große Hoffnung, dass dieses Spiel ein ebenso epochales Rollenspielmeisterwerk ist, wie sein Vorgänger. Denn eben jenes war ein solches Spiel, dass mich Nachts nicht schlafen und tagsüber ständig daran denken lies. Fingers crossed!

 

Florian Merz Verfasst von:

Florian rühmt sich damit, der größte Schwarzenegger-Fan der bekannten Welt zu sein und kennt sich auch so ganz gut mit Filmen, Serien und ganz besonders Videospielen aus. Arbeitet als Sales & Project Manager in Berlin; gibt sich hier auf dem Blog aber ganz privat die Ehre.

3 Comments

  1. Juli 26
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    Ich glaube das von Dir beschriebene Gefühl kennen fast alle von uns. Zumindest die älteren Spieler.

    Auch bei mir stellt sich immer seltener das Gefühl der unbedingten Faszination ein. Vor allen Dingen nicht bei aktuellen Titeln. Interessanterweise kann ich aber bei Retrogames sehr schnell Feuer fangen. Hier sind die Spiele für mich einfach auf vielen Ebenen attraktiv. Das mag an der Reduktion liegen oder an den abwechslungsreichen Spielmechaniken. Aber „nach hinten raus“ geben mir Spiele oft mehr als die Titel der Gegenwart.

    Daniel hat das Thema „Spielverdrossenheit“ übrigens auch auf meiner Seite ganz gut eingefangen: http://www.videospielgeschichten.de/habe-ich-das-spielen-verlernt/. In den Kommentaren finden sich spannende Antworten und Einschätzungen zum Thema.

    Danke für Deinen Artikel Florian!

  2. Juli 26
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    Ich glaube, dieses Gefühl verspürt jeder ältere Spieler hin und wieder. Mein Ratschlag ist dann meistens: spielt nicht immer nur AAA-Titel und das, was gerade am meisten gefeiert wird. Schaut euch mal ein paar Indies an und/oder versucht euch an Genres, die ihr bisher ignoriert habt. Spielt Titel, die ihr nicht schon aus dem täglichen News-Bombardement, zig Artikeln, Trailern und Erzählungen von Freunden kennt. Ein Griff in die Retro-Kiste hilft auch oft.

  3. Juli 26
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    Oh ja dieses Gefühl kennen wir doch alle! Vor allem wenn dann die Familienplanung dazu kommt und in der wenigen Zeit die großen Erwartungen nicht sofort bestätigt. Ich habe für meinen Teil bereits akzeptiert, dass von 10 angespielten Titeln nur noch einer dieses „suchten“ auslöst. Habe aber auch festgestellt, dass es immer wieder Hochs und Tiefs gibt. Es gibt Wochen, da läuft nach dem Kinder ins Bett bringen jeden Abend die Kiste (PC oder PS4) oder mal ne ganze Weile gar nicht 🙂

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