Träumen digitale Menschen von digitalen Schafen?

Wenn ich meine Eltern danach frage, wie sie Videospiele wahrnehmen, dann bekomme ich meist eine Mischung aus Super Mario, Call of Duty oder FIFA als Antwort zu hören. Jedoch ist mir vor einigen Tagen wieder einmal bewusst geworden, wie viel mehr uns eine digitale Spielewelt bieten kann, als das nächste fiktive Schlachtfeld oder die tausendste virtuelle Partie zwischen dem FC Bayern und der Borussia aus Dortmund. Speziell möchte ich hierbei auf das Spiel SOMA eingehen, über das ich zufällig vor einigen Wochen stolperte und mich einmal mehr nachdenklich stimmte.

An dieser Stelle möchte ich alle davor warnen, weiterzulesen, insofern ihr das Spiel noch nicht beendet habt. Im nachfolgenden Text werde ich zwangsweise auf wichtige Storyaspekte eingehen müssen, um überhaupt über aufgekommene ethnische wie philosophische Fragen schreiben zu können. Entsprechend: Achtung, Spoilerwarnung.

„Beschreiben Sie nun in einzelnen Worten alle positive Dinge die Ihnen in den Sinn kommen… über Ihre Mutter!“ – „Meine Mutter?!“ -“ Ja!“ – „Ich erzähl“ Ihnen etwas von meiner Mutter!“ – Blade Runner

Ridley Scott gilt als einer der besten Regisseure unserer Zeit. So verantwortete der Brite nicht nur die Erschaffung von Alien – Das unheimliche Wesen, Gladiator oder Black Hawk Down. Nein, mir persönlich ist Scott besonders als Erschaffer der filmischen Umsetzung von Do androids dream of electric sheep im Gedächtnis haften geblieben.

Thematisch dreht sich Blade Runner um die Fragen, ab wann etwas als Menschlich bezeichnet werden kann oder wie viel Menschlichkeit muss etwas besitzen, um als Mensch zu gelten. Grund hierfür sind die in der Handlung vorkommenden Replikanten, Androiden. Äußerlich nicht von Menschen zu unterscheiden, fehlt ihnen jedoch ein wichtiges Merkmal: Emotionen. Auch die von James Cameron geschaffene Terminator-Serie – wenn auch nur in sehr vager Form – wirft die Frage auf, ab wann eine Maschine oder etwas ähnliches das Recht besitzt, als Menschlich bezeichnet zu werden. Doch im Gegensatz zu Blade Runner wird dieser Aspekt nicht offen, sondern nur zwischen den Zeilen thematisiert.

„Die unbekannte Zukunft rollt auf uns zu und zum ersten Mal sehe ich ihr mit einem Gefühl der Hoffnung entgegen. Denn wenn eine Maschine, ein Terminator, den Wert des Lebens schätzen lernen kann, dann können wir es vielleicht auch.“ – Terminator 2: Judgement Day

Auch Soma spielt mit dem Grundgedanken von Blade Runner oder Do androids dream of electric sheep, wählt jedoch einen etwas anderen Ansatz. Alles beginnt mit Simon, einem Mittzwanziger, der im Toronto der Gegenwart lebt. Nach einem schweren Autounfall leidet er an unerklärlichen Kopfschmerzen und erhofft sich durch eine neuartige Behandlungsmethode Linderung. Hierbei wird sein gesamtes Gehirn gescannt, damit es anschließend mithilfe eines neuen Verfahrens genauer untersucht werden kann.

Das Ende der Menschheit

Doch gefühlt Sekunden nachdem Simon auf dem Behandlungsstuhl platzt genommen hat, findet er sich in einem ihm unbekannten Raum wieder. Alles wirkt sehr industriell, fast schon militärisch. Seine Rufe verhallen im Zwielicht und auch so scheint es, als wäre er vollkommen alleine.  Nach einigen Minuten löst er sich aus seiner Starre und macht sich auf herauszufinden, wo er sich überhaupt befindet, wie er hierher gekommen ist und warum nirgends ein Menschen zu finden ist.

Dem Spieler wird recht schnell klar, dass sich Simon in einer ziemlich prekären Lage befindet. Nicht nur, dass weit und breit kein Mensch zu sehen ist, nein einige Maschinen empfinden sich selbst als menschlich, sprechen von Emotionen wie Liebe und Schmerz. Verstört und verunsichert,  treibt es Simon immer tiefer in den Komplex, der sich nach einiger Zeit als Tiefseestation und vermeintlich letzte Bastion menschlichen Lebens herausstellt.

Vor einigen Jahren wurde die Erde von einem Meteoriten getroffen. Die daraus resultierenden Schäden an dem Planeten sorgten dafür, dass die Menschheit dem Untergang geweiht ist. Jedoch soll ein wissenschaftliches Projekt, genannt „Die Arche“, dafür sorgen, dass die Menschheit weiterbesteht. Im gesamten Spielverlauf wird diese Projekt immer wieder thematisiert und dienst sozusagen als Antriebsmotivation für den Spieler. Mehr Details darüber erfährt Simon von Cathrine, einem ehemaligen Besatzungsmitglied dieser Station.

Ich schreibe hier explizit „ehemaliges Besatzungsmitglied“, da Cathrine kein Mensch ist. Beziehungsweise nicht etwas, was wir als Mensch bezeichnen würden. Ihr „Geist“ oder „Ich“ existiert jedoch auf andere Art und Weise weiter: als elektronisches Werkzeug, was augenscheinlich über nichts menschliches verfügt. Dennoch „fühlt“ Cathrine Emotionen.

Durch sie erfährt Simon auch, dass es sich der Arche um eine weiterentwickelte Form der Technik handelt, mit der Simons Gehirn „digitalisiert“ wurde. Während die Menschheit in physischer Form keinerlei Chancen auf ein Weiterbestehen besitzt, soll der Fortbestand durch eben jene Vorgang der Digitalisierung gewährleistet werden. Doch wenn keinerlei Haut, Fleisch oder Muskeln mehr vorhanden sind, kann man dann noch von Menschlichkeit sprechen?

Die Robotergesetze

Hier möchte ich nun kurz auf Blade Runner zurückkommen. Die hier vorherrschende „Bedrohung“ geht vermeintlich von den Replikanten aus. Diese wirken optisch wie Menschen und agieren auch entsprechend. Zwar ungleich viel leistungsfähiger, so bewegen sich die Androiden wie wir auf zwei Beinen, gehen im besten Fall einer normalen Arbeit nach und befinden sich üblicherweise nicht auf Konfrontationskurs mit Harrison „Han Solo“ Ford. Dennoch wird in der Welt von Philip K. Dicks geschaffenem Universum größtenteils die Meinung vertreten, dass Replikanten keine Menschen sind und bei der kleinsten Abweichung von ihrem Protokoll aus dem Verkehr gezogen werden müssen. Sprich: Dem „Ding“ wird sozusagen die Lizenz zum „Leben“ entzogen. Es ist eben nicht menschlich.

Doch gerade diese Denkweise der Menschen ist es, weshalb eine Gruppe von Replikaten, angeführt von dem charismatischen Androiden Roy Batty, sich gegenüber ihren „Besitzern“ oder „Erschaffern“ auflehnt. Dies hat zur Folge, dass einige Menschen im Verlauf der Geschichte sterben.

Fun Fact: Derlei Handlungsweise tritt auch in Konflikt mit den von Isaac Isamov in der Kurzgeschichte Runaround geschaffenen Robotergesetzen. Laut diesen soll ein Roboter, im vorherrschenden Fall ein Androide, nicht dazu in der Lage sein, einem Menschen Schaden zuzufügen. Und dennoch geschieht es.

1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich[2]) verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, dass einem menschlichen Wesen (wissentlich[2]) Schaden zugefügt wird.
2. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
3. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

Das diese Androiden jedoch auch dazu in der Lage sind, so etwas wie Gefühle zu empfinden bzw. über einen unbestimmten Zeitraum sogar entwickelt haben, beweisen die Replikanten Rachael (Mary Sean Young) und sogar der von Rutger Hauer dargestellte Roy Batty selbst. Sie weisen konkrete menschliche Charakterzüge auf. Dennoch werden sie nach wie vor von den Behörden bei Protokollverletzungen gejagt.

Nur ein Münzwurf

Dazu im Gegensatz steht Soma. Hier wird bewusst der technologische Fortschritt dazu genutzt, das Fortbestehen der Menschlichen Rasse zu gewährleisten. Ausgewählte Menschen werden durch eine Digitalisierung in die Arche eingespeist. Das Problem hierbei ist jedoch, dass das Ausgangsmaterial, sprich der oder die Spender/in bestehen bleibt. Wenn auch eine digitale Version von einem selbst existiert, so ist der eigentliche Körper beziehungsweise das Ursprungs-Ich nach wie vor existent und agiert noch immer so, wie er oder sie agieren würde.

Innerhalb des Spiels wird es so erklärt, dass bei der Übertragung des Ichs oder Seins eine Münze geworfen wird. Wird dieser Münzwurf „gewonnen“ besteht das Ich, dass man als selbst wahrnimmt oder bis zu jenem Zeitpunkt als Spieler wahrgenommen hat, in neuer Form weiter. Wird hingegen der im Spiel thematisierte „Coin Toss“ verloren, bleibt der Geist oder das Existenzgefühl im ursprünglichen Körper zurück. So suggeriert es zumindest das Spiel.

Während des Handlungsverlaufs von Soma stellt sich heraus, dass Simon bereits eine derartige Übertragung der eigenen Existenz durchlebte und eine Art Roboter ist.  Zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte sieht er sich jedoch gezwungen, sein Ich auf einen anderen Körper zu transferieren. Dies geschieht auch, doch kurz nachdem er die volle Kontrolle über den neuen Körper erlangen konnte, bemerkt er wie sein anderes Ich, sein Ursprungs-Ich sprich. Kurz darauf wird dieser Simon jedoch von Cathrine ausgeschaltet beziehungsweise in den Rest-Modus versetzt. Simon war sich zu diesem Zeitpunkt nicht darüber im klaren, was mit dem Ausgangsmaterial, als seiner selbst, geschieht und ging davon aus, dass es sich um einen Transfer und keine Kopie handelt. Wird das auch beim Transfer auf die Arche geschehen?

Mensch

Soma macht eines deutlich: Das Gefühl ein Mensch zu sein oder so zu empfinden lässt sich nicht alleine daran fest machen, dass etwas aus Fleisch und Knochen besteht. Viel eher ist es das Gesamtbild, dass etwas menschlich erscheinen lässt oder nicht. In Soma liegt die Erlösung in Form einer digitalen Menschheit, die sich trotz fehlender Hülle dennoch aufgrund ihres „Geistes“ als menschlich bezeichnen lässt. In Blade Runner entwickeln die Repliklanten Gefühle und werden dadurch menschlich. Denn schon Herbert Grönemeyer wusste:

Und der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt, und weil er schwärmt und stillt, weil er wärmt, wenn er erzählt. Und weil er lacht, weil er lebt,
du fehlst.

Die Rocket Beans Simon und Nils führten im Verlauf eines Let’s Plays zum Spiel Soma eine interessante wie auch spannende Diskussion über das „Mensch sein“ und das Erreichen einer möglichen neuen Evolutionsstufe durch die Digitalisierung. Der Auslöser für die Diskussion sind einige innerhalb des Spiels gestellte Fragen im Zusammenhang mit der Arche.

Florian Merz Verfasst von:

Florian rühmt sich damit, der größte Schwarzenegger-Fan der bekannten Welt zu sein und kennt sich auch so ganz gut mit Filmen, Serien und ganz besonders Videospielen aus. Arbeitet als Sales & Project Manager in Berlin; gibt sich hier auf dem Blog aber ganz privat die Ehre.

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